„Zahlen sind die besten Bilder“

 

Ein Gespräch zwischen dem Publizisten Murat Suner und Nicolas Bissantz über die Bissantz‘Numbers

Murat Suner: Wie bist Du auf die Bissantz‘Numbers gekommen? Wenn man das einmal gesehen hat, diese typografisch skalierten Zahlen, dann kann man sich schwer vorstellen, warum das niemand schon früher vorgeschlagen hat.

Nicolas Bissantz: Ja, in der Tat. Ich meine fast: Wir leben in so bildverliebten Zeiten, dass der Primat des Bildes einen frischen Blick auf die Zahl verhindert hat. Tag Clouds zum Beispiel gibt es schon lange, dabei ist die Vergrößerung von Text proportional zu einem Wert weniger naheliegend als die Vergrößerung von Zahlen.

MS: Waren Tag Clouds die Inspiration für Dich?

NB: Nein. Ich war selbst überrascht: Sie sind ein Nebenprodukt unserer Eyetracking-Forschung zum Business Intelligence – auf Rennstrecken.

MS: Bei Autorennen?

NB: Ja. Wir wollten besser und grundsätzlich verstehen, wie der Mensch sieht. Dafür haben wir eine Testumgebung gebraucht, die keine Fehler verzeiht.

MS: Ist das Sehen denn so rätselhaft? Man sollte meinen, das „Augentier Mensch“ ist gut erforscht und es gibt genug Augenärzte und Optiker, die darüber Bescheid wissen?

NB: Richtig scharf und bunt sieht man nur mit der Fovea, das ist der kleinste Teil des Auges. Damit wird ein Bereich des Sichtfeldes abgedeckt, der nur so groß ist wie ein Daumennagel in etwa einer Armlänge Entfernung. Aus den damit gewonnenen Stichproben konstruiert das Gehirn, was wir sehen. Ein großer Teil davon ist eine Projektion, die auf Wahrscheinlichkeitsrechnung und Erfahrung beruht. Wie das genau vonstattengeht, ist nur in Grundzügen bekannt. Vor allem aber gibt es bisher wenig Anstrengungen, aus den Grenzen des Sehens die richtigen Schlüsse für die Gestaltung zu ziehen. Dessen habe ich mich angenommen.


MS: Du warst dazu mit Hans-Joachim Stuck auf der Nordschleife und ihr habt seine Augenbewegungen mit einer Eyetracking-Brille aufgezeichnet. Was war euer Ziel und was hat das mit Tabellen oder Infografiken zu tun?

NB: Wir verstehen das Sehen nur unter Extrembedingungen neu, also dort, wo etwas offensichtlich nur dann gelingt, wenn das Sehen den notwendigen Beitrag dazu liefert. Spitzensport hat solche Extrembedingungen. Aber nur Rennfahrern können wir eine Eyetracking-Brille auf die Nase setzen. In geschlossenen Rennwagen wird der Kopf nur mäßig bewegt, die Erschütterungen halten sich in Grenzen, die Aufzeichnung ist stabil genug.

MS: Und Rennfahrer „lesen“ die Strecke wie ein Manager einen Bericht?

NB: Ob Manager oder das Design von Berichten von Rennfahren etwas lernen können, das galt es erst herauszufinden. Ich war mir lediglich sicher, dass man als Grundlagenforscher Neues entdecken würde und wir dieselben Augen für die Konstruktion des Bildes einer Rennstrecke und eines Diagramms benutzen. Jedenfalls wurden wir nicht enttäuscht. Schon die allererste Fahrt brachte atemberaubende Erkenntnisse.

MS: Klingt, als ob wir nicht alles darüber erfahren sollen?

NB (lacht): Richtig! Unsere Forschung geht weiter und ein paar Dinge wollen wir noch für uns behalten. Andere teilen wir: Die Bissantz’Numbers stellen wir jetzt schon vor und ein Excel-Add-in dafür gibt es kostenlos. Die bisher wichtigste Folgerung kann also jeder für sich nutzen.


MS: Eyetracking in der Forschung gibt es schon länger. Was war so neu an eurem Vorgehen, dass auch etwas Neues dabei herauskam?

NB: Mit Eyetracking können wir beobachten, wohin ein Mensch blickt – wir wissen aber nichts darüber, was er dabei denkt oder ob er das Gesehene versteht. Aus dem Vergleich von Rundenzeiten und Blickverläufen zwischen Rennfahrern können wir u. a. ableiten, welche Sehstrategien schnell machen. Aus diesen Strategien wiederum lässt sich auf Gestaltung schließen, die es dem Auge leicht macht.

MS: Du setzt dich auch selbst ins Auto und vergleichst deine Rundenzeiten mit denen anderer Fahrer. Klingt nach Forschung, die auch Spaß macht.

NB: Aber ja! Im Winter gehen wir auf Rennstrecken in Spanien; das Wetter und das Essen sind dort, wie man es sich vorstellt. Für mich ist es ein unschätzbarer Vorteil, mein eigenes Versuchskaninchen zu sein. In vielem bin und bleibe ich Amateur und Anfänger. Die Analyse der Daten von Hans-Joachim Stuck hat bereits große Überraschungen gebracht. In Versuchen mit mir selbst bin ich dann aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen.

MS: Hast du ein Beispiel für mich?

NB: Die ersten Auswertungen der Eyetracking-Daten zeigten, dass das Auge unweigerlich von Kontrasten angezogen wird. Ein Profi lernt deswegen, Kontraste, die keine relevante Information enthalten, weitgehend zu ignorieren. Das gelingt niemals komplett. Damit hatten wir den Schlüssel gefunden, den Blick eines Betrachters zu lenken.

MS: Und was ist dann die Verbindung zur Management-Information?

NB: Naja, ich saß da und überlegte, wie wir das Auge in Berichten lenken. Gut gemachte Business-Grafiken zeigen dort den größten grafischen Kontrast, wo die Zahlen am spannendsten sind. Aber ein grafisches Element ohne Zahl bleibt bedeutungslos. Es kommt zu einem Hin und Her zwischen Wahrnehmung von Grafik und Zahl. Der Neurobiologe Gerhard Roth bestätigte mir, dass dieses Hin und Her eine enorme Belastung darstellt.

MS: Ach ja? Ich dachte, Bilder, also Grafiken, sagen mehr als 1000 Worte?

NB: Die Verarbeitung von Bildern findet in der einen Hirnhälfte statt, die von Zahlen in der anderen. Kennzahlen wie Umsatz oder Gewinn sind aber nicht dreidimensional, betriebswirtschaftliche Berichte keine Architektenpläne. Deshalb konkurrieren die beiden Hirnhälften um die Deutung einer Säule, neben der eine Zahl steht.


MS: Das stellt alles, was wir über Grafiken zu wissen glauben, auf den Kopf.

NB: Ja, das ist einigermaßen überraschend, aber es hilft nichts. Egal, was wir neben die Zahl stellen: Es entsteht ein bildlicher Code, den wir erst wieder decodieren müssen, was meist überflüssig ist. Außerdem sind viele Diagramme irreführend gemacht, was eine ganz eigene Gefahr in sich birgt: Bilder erreichen uns an den „Toren des Bewusstseins“ vorbei. Falsche Bilder löscht das Gehirn gar nicht oder nur schwer, im Unterschied zu falschen Worten oder falschen Zahlen.

MS: Verstehe. Eine Zahl erreicht uns bewusst. Und: Größere Zahl heißt größerer Kontrast und damit Blicklenkung in der Reihenfolge der Größe der Werte. Aber klappt das auch mit Zeitreihen? Verlaufsmuster aus Tabellen herauszulesen, das traut man sich doch nicht mal als ausgesprochener Zahlenfreak zu.

NB: Kurze Zeitreihen funktionieren damit ganz famos, wie die Beispiele auf unserer Webseite zeigen. Dabei helfen kompakte Zahlenformate, die wir uns dafür ausgedacht haben. Wir schreiben große Zahlen nicht mehr aus, sondern kürzen sie ab, zum Beispiel statt 391.412 schlicht „391 Tsd.“, statt 1.376.455 kurz „1,4 Mio.“, beides in derselben Tabelle.

MS: Ach so. Damit vermeidet man ein schwer verständliches „0,9“ für 900.000, wenn alles stupide in Mio. dargestellt ist.

NB: Genau. Und wenn man es noch kompakter haben will, nimmt  man Hochkommata und schreibt 391‘ für 391 Tausend und 1,4‘‘ für 1,4 Millionen. Den meisten, deren Berichte wir so ändern, fällt das nicht mal auf, sondern sie verstehen ihre Zahlen schneller und vermissen die übergenaue Detaillierung gar nicht.

MS: Ich könnte mir vorstellen, dass das nicht nur in Managementberichten funktioniert, sondern ganz allgemein für Zeitungen oder technische Geräte mit digitalen Anzeigen?

NB: So ist es. Wir haben auf der Webseite auch ein paar Beispiele für Blutzuckermessgeräte, Mischpulte usw.  und arbeiten mit Produktdesignern an weiteren Anwendungen.

MS: Bisher seid Ihr in der Szene auch für Sparklines und Grafische Tabellen bekannt, also die Integration von Balken, Säulen, Kreisen direkt in die Zellen einer Tabelle. Da drängt sich mir die Frage auf: Steht der Tod des Diagramms bevor?

NB: Darüber zerbreche ich mir tatsächlich den Kopf. Wenn man einmal mit den Bissantz’Numbers angefangen hat, kommen einem Diagramme in Geschäftsberichten kindlich vor und viele Infografiken, als seien sie von Nerds für Nerds gemacht – und als käme es beiden auf den Inhalt gar nicht an. Ich meine, in Zahlen steckt weniger, als wir oft hoffen, und dieses Wenige sollten wir schneller zeigen. Ich halte die Bissantz’Numbers für objektiver. Daran müssen sich grafische Darstellungen zukünftig messen lassen.

MS: Ich bin beeindruckt! Und gespannt, wie es bei Euch weitergeht.